Über Nyck de Vries
Einige der hellsten Köpfe der Vollgasbranche arbeiten in der Formel 1 mit wachem Auge für Talente. Da stellt sich die Frage: Wie konnten diese erfahrenen Spitzenkräfte den Niederländer Nyck de Vries so lange als GP-Fahrer übersehen?
De Vries wechselte als zweifacher Kart-Weltmeister in den Formelsport. Dort verbrachte er drei Saisons in unterschiedlichen Formel Renault 2.0-Serien. In diesem Zuge gewann er 2014 die Titel im Eurocup und der Alps-Serie. Danach stieg er in der Folgesaison in die Formel Renault 3.5 auf, die er auf dem dritten Rang abschloss.
Als nächstes ging es für Nyck 2016 in die GP3 (heute Formel 3), in der er im Laufe der Saison zwei Siege einfuhr und direkt die nächste Stufe in Richtung Formel 1 nahm: Den Aufstieg in die Formel 2. In seiner Rookie-Saison 2017 fuhr er für Rapax und Racing Engineering mit denen er einen Sieg und vier Podestplätze einfuhr – siebter Schlussrang.
Nachdem er in seiner ersten Saison vielversprechende Leistungen gezeigt hatte, wechselte er 2018 zum Pertamina Prema Theodore Racing Team, mit dem er das Jahr nach drei Siegen auf Platz 4 beendete. Gleichzeitig startete er 2018 mit dem Racing Team Nederland in der LMP2-Kategorie der FIA WEC.
Nyck fuhr 2019 eine dritte Saison in der Formel 2 und ging dieses Mal für ART Grand Prix an den Start, mit denen er vier Siege erzielte und den Fahrer-Titel ein Rennwochenende vor Saisonende vorzeitig gewann. Auch 2019 trat er in der FIA WEC an und nahm zudem an den 24 Stunden von Le Mans teil. Zahlreiche von de Vries’ Gegnern stiegen aus der Formel 2 in die Königsklasse hoch, Nyck ging leer aus.
Gegen Jahresende 2019 gab er sein Renndebüt für das Mercedes-Benz EQ Formel E Team. Im Verlauf seiner Rookie-Saison 2019/20 zeigte er in der Formel E sein Talent mit starken Leistungen. So erzielte er einen Podestplatz und beendete das Jahr auf Gesamtrang 11. Ausserdem ging er 2020 mit G-Drive Racing in der European Le Mans Series an den Start. Im Jahr 2021 blieb Nyck mit Mercedes in der Formel E, die er nach einer hart umkämpften Saison mit zwei Siegen und zwei weiteren Podestplätzen als Weltmeister abschloss. Gleichzeitig wurde er Ersatzfahrer für das Mercedes-AMG Petronas F1 Team.
2022 dann endlich, endlich der Durchbruch: Als Williams-Fahrer Alex Albon während des Monza-Wochenendes eine akute Blinddarmentzündung erlitt, erhielt Nyck de Vries die Chance, sein Können unter Beweis zu stellen. Und der bisherige Mercedes-Reservist zeigte Nerven aus Stahl. Er fuhr im Williams-Renner des Londoners als Neunter sofort in die Punkte, als hätte er nie etwas Anderes getan.
Danach entstand ein Tauziehen um Nyck de Vries – Williams, AlphaTauri, Haas, Alpine, überall war er auf einmal ein Thema.
Weniger bekannt war, dass ein gewisser Max Verstappen im Hintergrund mithalf, die Weichen Richtung AlphaTauri zu stellen. Max sagte im Rahmen des Japan-GP von Suzuka 2022: «Zunächst einmal ist es schön, dass es endlich geklappt hat, denn Nyck hat seit einigen Jahren versucht, einen Stammplatz zu erhalten. Ich schätze, sein Rennen in Monza hat die Leute endlich von seinen Fähigkeiten überzeugt.»
Max weiter: «Jeder weiss, dass Red Bull-Motorsportberater Dr. Helmut Marko ein Mann ist, der gerne mal ein Risiko eingeht, wenn er einen talentierten Piloten wittert. Jedenfalls haben Nicky und ich am Montagabend nach dem Italien-GP zu Abend gegessen, und ich sagte zu Nyck: ‘Ruf doch Dr. Marko an! Du weisst nie, was passieren kann.’ Ich glaube, das Timing war perfekt, denn auch Helmut war von der Leistung Nycks in Monza sehr beeindruckt gewesen.»
Schon beim Formel-1-Nachsaisontest in Abu Dhabi sass Nyck de Vries im AlphaTauri-Honda.
Über seinen Landsmann Verstappen sagt der 1,67 Meter grosse de Vries: «Wir kennen uns seit Kindestagen. Wir haben die Themen Rennsport und Karting ähnlich angepackt. Wir sind beide mit unseren Vätern von Strecke zu Strecke getingelt und haben uns oft gesehen, aber weil Max eben zwei Jahre jünger ist als ich, war Monza 2022 tatsächlich das erste Rennen, das wir gemeinsam bestritten haben!»
«Lustigerweise sind wir sogar aus der gleichen Startreihe ins Rennen gegangen. Wir haben uns darüber am Samstagabend und am Sonntagmorgen vor dem Grand Prix Nachrichten geschickt, und vor dem Start ist er zu mir gekommen. Er hat mich ermutigt, wie ein grosser Bruder, er hat mich sehr unterstützt.»
De Vries lacht: «Max verdient jede Anerkennung, ganz besonders aus unserer Heimat. Was er bereits alles erreicht hat, das ist fabelhaft. Aber ich hoffe, wir werden 2023 auch die eine oder andere Flagge für mich wehen sehen.»
Nyck ist bei seiner ersten vollen GP-Saison schon 28 Jahre alt, aber er sagt: «Jeder geht seinen eigenen Weg, daher ist es eigentlich irrelevant, wie alt ich bin oder wie ich hierher gekommen bin. Ich denke, dass es am Ende nur darauf ankommt, die Chance zu bekommen, wenn die Zeit reif ist. Für mich persönlich war es natürlich eine Auf und Ab, aber es fühlt sich sogar noch besser an, jetzt die Chance zu bekommen.»
De Vries gibt zu: «Es gab Zeiten, in denen ich dachte, dass ich meinen Traum nie werde verwirklichen können. Gleichzeitig habe ich diesen Traum niemals aufgegeben.»
Aber aus dem Traum wurde ein Albtraum: Für AlphaTauri konnte der Niederländer keinen einzigen WM-Punkt an Land ziehen, nach dem Silverstone-GP hatte die Red Bull-Führung die Nase voll und holte Reservist Daniel Ricciardo ins GP-Cockpit zurück.
Red Bull-Motorsportberater Dr. Helmut Marko hatte mehrfach betont, dass er vom Niederländer eine markante Steigerung erwarte, aber die kam nicht. Zuletzt wurde de Vries in Silverstone schwacher 17., wie in der Woche davor auf dem Red Bull Ring.
Danach wurde gehandelt: Nyck de Vries musste seinen Platz räumen, schon ab Ungarn sass der langjährige Red Bull Racing-Fahrer Daniel Ricciardo im Auto.
AlphaTauri-Teamchef Franz Tost: «Wir freuen uns sehr, dass Daniel zu uns zurückkehrt. Seine fahrerischen Qualitäten sind unbestritten. Wir werden viel von seiner Erfahrung profitieren können, als achtfacher GP-Sieger.»
De Vries ging eine Weile auf Tauchstation und meldete sich dann auf Social Media so: «Nach den jüngsten Ereignissen habe ich beschlossen, mir eine Auszeit zu nehmen, was ich auch weiterhin tun werde. Ich möchte mich bei Red Bull und der Scuderia AlphaTauri für die Möglichkeit bedanken, meinen Traum zu verwirklichen. Natürlich tut es weh, dass die F1-Chance, von der ich so lange geträumt habe, vorzeitig endete. Aber das Leben ist kein Ziel, es ist eine Reise, und manchmal muss man einen harten Weg gehen, um ans Ziel zu kommen.»
Nyck de Vries hat es nicht geschafft, sein Talent in gute Leistungen bei AlphaTauri umzusetzen. Er stand klar im Schatten von Yuki Tsunoda, und auch wenn der 2023er Rennwagen aus Faenza enttäuscht hat, galt für de Vries die alte Rennfahrerregel: Der erste Gegner ist der Stallgefährte. Und da war de Vries einfach zu schwach.
Nyck de Vries holte bei seinen zehn Einsätzen diese Ergebnisse heraus, dazu im Vergleich die Resultate seines japanischen Teamgefährten Tsunoda.
Bahrain: 19. im Training, 14. im Rennen (Tsunoda 14./11.)
Saudi-Arabien: 19./14. (Tsunoda 16./11.)
Australien: 18./14. (Tsunoda 12./10.)
Aserbaidschan: 18./Unfall (Tsunoda 8./10.)
Miami: 15./18. (Tsunoda 17./11.)
Monaco: 12./12. (Tsunoda 9./15.)
Spanien: 14./14. (Tsunoda 15./12.)
Kanada: 17./18. (Tsunoda 19./14.)
Österreich: 20./17. (Tsunoda 16./19.)
Grossbritannien: 18./17. (Tsunoda 16./16.)
De Vries musste sich neu ausrichten, wechselte in die Formel E zurück, 2024 holte ihn Toyota in die Langstrecken-WM, wo er Gesamtdritter wurde.
Dann, aus heiterem Himmel, im Herbst 2024 ein Formel-1-Test für McLaren. Wie das denn? McLaren-CEO Zak Brown bei Viaplay: «Wir kennen Nyck seit Jahren, er war von bis 2019 Teil unserer Nachwuchsförderung. Wir stellen uns derzeit neu auf, was das Testprogramm mit einem zwei Jahre alten Rennwagen angeht und auch was unsere Simulator-Mannschaft betrifft. Da kommen einige Piloten in Frage, und Nyck ist einer davon. Er hat beim Test wie erwartet einen sehr guten Job gemacht, also gucken wir mal, was daraus wird.»