MotoGP: KTM-Rennchef über Regelverstoß

500er-Vizeweltmeister Gianfranco Bonera ist 80

Von Thorsten Horn
Gianfranco Bonera 1974 mit seiner MV Agusta in Brünn

Gianfranco Bonera 1974 mit seiner MV Agusta in Brünn

Die Karriere von Gianfranco Bonera war nicht so lang und auch nicht so erfolgreich, wie die einiger seiner glorreichen Landsleute. Wegen seines Kampfgeists und Draufgängertums blieb er vielen Fans in bester Erinnerung.

Geboren wurde Gianfranco Bonera am 2. April 1945 in Porpetto, einer 2.700-Seelen-Gemeinde in der Nähe von Udine im äußersten Nordosten Italiens. Seine sportliche Laufbahn begann er mit dem Radrennsport – einer Leidenschaft, der der Fitness-Freak auch nach seiner aktiven (Motorrad-)Rennfahrerzeit nachging.

Als seine Familie in die Nähe von Monza zog, kam er unweigerlich mit dem Rennsport in Berührung. Natürlich war ein Einstieg in selbigen mit einem Motorrad der finanziell einfachere. So debütierte Gianfranco Bonera 1971 mit einer 125er-Aermacchi in der italienischen Junioren-Meisterschaft und beendete diese auf dem achten Platz.

Ein Jahr später legte er sich eine 500er-Suzuki zu, gewann in der Junioren-Kategorie alle Rennen und demzufolge auch den Titel. Da er daraufhin in eine der Senioren-Klassen wechseln musste, rechnete er sich die größten Chancen in der 250-ccm-Klasse mit einer Harley-Davidson RR aus.

Der amerikanische Motorradhersteller hatte sich 1960 mit dem ursprünglichen Flugzeugbauer Aermacchi (Aeronautica Macchi) aus Varese zusammengeschlossen, der seit 1951 auch Motorräder produzierte. Unter anderem belieferte man den amerikanischen Markt mit einigen sportlichen Modellen, so dass man sich aus Marketing-Gründen, so würde man heutzutage formulieren, anfangs unter der Bezeichnung Aermacchi Harley-Davidson und später nur noch als Harley-Davidson im Rennsport engagierte.

Die Rennabteilung war freilich in Italien beheimatet. Seine ersten größeren internationalen Auftritte hatte Bonera ebenfalls 1973. Nachdem er zusammen mit Renzo Pasolini zu Testfahrten von Harley-Davidson eingeladen wurde und dabei eine gute Figur machte, wurde er für den Grand Prix der Nationen, einem damals beliebten Einmal-Event pro Jahr, nominiert, wo er bei den 350ern den 17. Platz belegte.

Am 17. Juni 1973 bestritt er im jugoslawischen Opatija dann seinen ersten Grand Prix, der allerdings ziemlich schwach besetzt war. Wie dem auch sei, hinter dem Neuseeländer Kim Newcombe auf der König und dem britischen Yamaha-Privatier Steve Ellis fuhr er als Dritter aufs Podest. Einen weiteren Einsatz hatte Bonera in jenem Jahr mit der 350er-Harley-Davidson im tschechischen Brünn, wo er hinter Teuvo Länsivouri, Giacomo Agostini und Phil Read starker Vierter wurde.

Als der Rekordweltmeister (bis heute und wahrscheinlich noch viele Jahre) Giacomo Agostini nach dem 13. seiner 15 WM-Titel mit MV Agusta eine neue Herausforderung suchte und für die Saison 1974 zu Yamaha abwanderte, wurde Gianfranco Bonera an die Seite des amtierenden Halbliter-Weltmeisters Phil Read ins heilige italienische Team als potenzieller Ago-Nachfolger befördert. Während Giacomo Agostini die 350er-Weltmeisterschaft gewann und damit eindrucksvoll bewies, dass er es auch mit einem Zweitakter kann, konzentrierte sich MV auf die große Klasse.

Das Auftaktrennen im französischen Clermont-Ferrand gewann Phil Read vor Suzuki-Ass Barry Sheene und Gianfranco Bonera. Der zweite Lauf sollte auf dem Nürburgring stattfinden, wurde allerdings wegen Sicherheitsbedenken von sämtlichen Top-Fahrern bestreikt. Nur vier (deutsche) Fahrer kamen ins Ziel, von denen Edmund Czihak so zu seinem einzigen Grand-Prix-Sieg kam.

Auf dem österreichischen Salzburgring musste Gianfranco Bonera nur Giacomo Agostini den Vortritt lassen. Bei seinem Heim-Grand-Prix in Imola sollte dann seine große Stunde schlagen, indem er nach 36 Runden (180 km) mit großem Vorsprung auf Teuvo Länsivuori und Phil Read gewann. So hätte es gern für ihn weitergehen können, doch, was damals noch niemand wusste, sollte es sein einziger Grand-Prix-Sieg bleiben.

Der Tourist Trophy auf der Isle of Man blieben damals schon die Top-Fahrer fern, sodass es für die GP-Piloten erst im holländischen Assen weiterging. Hier okkupierten Giacomo Agostini, Teuvo Länsivuori und Phil Read die Podestplätze, doch mit Platz vier hatte Gianfranco Bonera seinen Job erfüllt.

Im belgischen Spa-Francorchamps kam er wegen Kupplungsproblemen nicht über den zehnten Platz hinaus, und im schwedischen Anderstorp wurde er wieder Vierter, diesmal hinter Teuvo Lansivuori, Phil Read und Pentti Korhonen. Die letzten beiden Rennen der Saison standen im finnischen Imatra sowie in Brünn auf dem Plan, wo Phil Read und Gianfranco Bonera mit zwei 1-2-Platzierungen den Welt- und den Vize-Weltmeistertitel für MV Agusta und schließlich auch für sich selbst eintüteten.

Der Engländer hatte damit seinen Titel verteidigt und feierte so seinen siebenten und letzten im Continental Circus. 1977 wurde er noch einmal TT-F1-Weltmeister, weshalb er fallweise auch als achtfacher Weltmeister gehandelt wird. Die meisten Statistiken berufen sich diesbezüglich nur auf die in der GP-Szene errungenen WM-Titel, und da waren es eben sieben. Wie dem auch sei, Gianfranco Bonera war Vize-Weltmeister und hatte damit den größten Erfolg seiner Karriere gefeiert, denn zu Beginn des Rennjahres 1975 verunfallte er bei einem Rennen zur italienischen Meisterschaft in Modena und verpasste daraufhin die Hälfte der Saison.

Sein Landsmann Armando Toracca vertrat ihn, und das mit drei vierten Plätzen noch nicht einmal schlecht. Für Gianfranco Bonera sprang in jenem Jahr lediglich ein sechster Platz in Assen sowie ein vierter in Anderstorp als einzig Zählbares heraus.

Yamaha und Suzuki hatten mit ihren giftigen Zweitaktern technisch ohnehin stark aufgeholt, so dass das vorläufige Aus der röhrenden Viertakt-Hämmer von MV Agusta nur noch eine Frage der Zeit war. Bonera‘s Teamleader Phil Read hatte in der WM-Wertung gegen den Yamaha-Piloten Giacomo Agostini das Nachsehen.

1976 kehrte Gianfranco Bonera zu Harley-Davidson zurück und bestritt an der Seite seines Landsmanns Walter Villa, der 1974 und 1975 bereits Weltmeister der Viertelliterklasse auf und für Harley-Davidson wurde, die WM in den Schwesterklassen bis 250 bzw. 350 ccm.

Die Harleys waren zu jener Zeit in den beiden mittleren Klassen eine Macht, doch gegen seinen Teamkollegen hatte Gianfranco Bonera zumeist das Nachsehen. Während Walter Villa sieben der elf Saisonrennen bei den 250ern sowie vier in der 350-ccm-Klasse gewann und sich seine Weltmeistertitel drei und vier sicherte, lief Gianfranco Bonera lediglich beim Saisonfinale im spanischen Barcelona im 250er-Rennen vor seinem zwei Jahre älteren Landsmann ein und feierte damit den zweiten Grand-Prix-Sieg seiner Karriere.

Zuvor hatte er als Zweiter in Le Mans und in Brünn sowie als Dritter in Anderstorp und in Imatra auf dem Podest gestanden. Auch damit hatte er zumindest den dritten WM-Rang sicher stellen können, denn bei den 350ern kam er nicht über Endrang 15 hinaus. Platz drei auf dem Nürburgring war in dieser Klasse seine einzige Podiumsplatzierung.

Für das Jahr 1977 nahm Franco Uncini den Platz von Gianfranco Bonera im Harley-Davidson-Rennstall an der Seite von Walter Villa ein, so dass sich Bonera nach einem neuen Team umschauen musste. Schließlich nahm er das Angebot des Teams Nava Olio Fiat von Roberto Gallina an und fuhr zusammen mit Virginio Ferrari in der 500-ccm-Klasse und auch in der erstmalig aber nur für die nächsten drei Jahre etwas stiefmütterlich behandelten 750-ccm-Weltmeisterschaft an.

In der Halbliterklasse gelang ihm in Imatra mit Platz drei noch einmal der Sprung aufs Podest. Hinzu kamen ein vierter Platz im französischen Le Castellet sowie beim Saisonfinale im englischen Silverstone, ein fünfter Platz in Brünn und ein sechster Platz in Anderstorp, sodass er die WM als Gesamtsechster abschloss.

Im darauffolgenden Jahr wechselte er erneut das Team und trat nun in der 350-ccm- und der 750-ccm-Klasse für den damaligen italienischen Yamaha-Importeur Yamoto an. In der kleineren dieser beiden Klassen ließ er sein Können noch zweimal aufblitzen, als er in Assen sowie beim diese Saison beschließenden Lauf im jugoslawischen Rijeka jeweils Zweiter wurde. Das war irgendwie das Maximum, denn inzwischen waren die beiden Werks-Kawasakis von Kork Ballington, der schließlich in der 250-ccm- und der 350-ccm-Klasse auch Weltmeister wurde, und Gregg Hansford übermächtig, und einer der beiden war fast immer vorn.

Bei den furchterregenden 750ern (viel Leistung, aber schlechte Fahrwerke) konnte Bonera in Assen gewinnen und beendete die Saison auf dem vierten Gesamtrang.

Im Jahr 1979 war er dann ganz auf sich allein gestellt. Zwei zehnte Plätze in Rijeka und in Assen waren bei den 350ern seine einzigen Ergebnisse in den Punkterängen. Bei den 750ern konnte er die Saison immerhin als Gesamtfünfter beenden.

Die Saison 1980 sollte dann seine letzte sein. Ziemlich unmotiviert und desillusioniert bestritt er zwar noch Rennen, allerdings blieben erwähnenswerte Erfolge nun gänzlich aus. Parallel arbeitete er an seiner beruflichen Zukunft und eröffnete schließlich mit seinen Brüdern ein Motorradgeschäft.

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