Hat Romano Albesiano das Honda-Wunder vollbracht?
Am 4. Oktober 2024 und damit exakt vor einem halben Jahr wurde offiziell bekannt, dass der Italiener Romano Albesiano seinen Posten als Technik-Chef bei Aprilia Racing aufgibt und sein Wissenn nun bei der Honda Racing Corporation, kurz HRC, einbringt. Erstmals hatte damit ein Europäer das Kommando in der MotoGP-Box des weltgrößten Motorradherstellers übernommen. Eine Revolution.
Als der Italiener bei den Japanern unterschrieb, lag die sportliche Moral bei beiden Honda-Mannschaften am Boden. Trotz eines zarten Hoffnungsschimmers, der von der Außenwelt erstmals beim offiziellen Testtag im September 2024 in Misano wahrgenommen wurde, rangierte Honda als Hersteller abgeschlagen auf dem letzten Platz. Auch die Moral der Piloten Zarco, Mir und Nakagami war dank zahlreicher Abflüge auf null gesunken. Lediglich Luca Marini, der seinen letzten Platz in der Fahrer-WM scheinbar akzeptiert hatte, ging deutlich weniger zu Boden.
Im Frühjahr 2025 ist nur mehr wenig zu verspüren von der großen Depression im Honda-Lager. Bereits beim zweiten GP des Jahres stürmte LCR-Honda-Pilot Johann Zarco in Startreihe 1 und in beiden Rennen standen durchaus Podestplätze zur Debatte. Mit Ausnahme von Rookie Chantra tauchten alle Fahrer der RC213V sowohl in Trainings als auch in Rennen in den Top-10 auf. Zarco liegt (punktgleich mit Ai Ogura) auf WM-Rang und bei den Herstellern rangiert die Marke mit dem Flügel sogar auf Platz 2.
Wie ist es möglich, dass Honda derart große Verbesserungen in wenigen Monaten erreicht? Hat Romano Albesiano ein Techniker-Wunder vollbracht? Die Antwort darauf fällt zweigeteilt aus: Ja und nein.
Es wäre sicher zu falsch zu sagen, der in Relation wie ein Quantensprung aussehende Schub wäre alleinig der Verdienst Albesianos. Auch weil der Techniker aus Italien so gut wie keinen Einfluss mehr auf die wesentlichsten Baugruppen des 2025er-Rennens hat nehmen können.
Schon vor über einem Jahr, als die Krise noch nicht einmal ihren Höhepunkt erreicht hatte, begann man bei Honda, die Strategie anzupassen. Mit einer Flut von neuen Entwicklungsschritten inklusive Tests und der Ansage, sich einer europäischen Entwicklungsphilosophie zu öffnen, waren die wichtigsten Entscheidungen lange vor der Ankunft des neuen Technikchefs gefallen.
Dennoch gebührt dem Neuzugang die größte Ehre. Denn er war es, der die vielversprechende Basis der RC213V mit einer Grundabstimmung versah, die eines erreichte: Vertrauen bei den Piloten zu erzeugen.
Während des MotoGP-Wochenendes in Austin brachte es Ex-MotoGP-Pilot Heil Hodgson auf den Punkt. Der jetzt für das britische Fernsehen arbeitende Hodgson: «Albesiano weiß genau, wie man es bei Aprilia gemacht hat. Er hat die richtigen Ansagen zu den richtigen Themen gemacht und besonders – auf alles eine Antwort gehabt. Wenn ihm ein Fahrer gesagt hat: Ich brauche mehr Gefühl an der Front , dann gab es eine Antwort, die funktioniert hat.»
Zwar mussten die Honda-Piloten Mir und Zarco die RC213V auch 2025 bereits fünf, bzw. dreimal aus dem Kies bergen lassen, doch die mysteriösen Abflüge, die am Vertrauen der Fahrer nagen, scheinen der Vergangenheit anzugehören. Und – wenn das Limit erreicht ist, dann auf Augenhöhe mit der Konkurrenz. Als Joan Mir 2024 aus dem US-GP flog, lag er im Nirgendwo. 2025 stürzte er im Kampf gegen Marco Bezzecchi um Platz 10 und mit Sichtkontakt zu Platz 3 aus dem Match.
Die Basisarbeit, die Honda im zweiten Halbjahr weiter forciert hat, kann mit europäischem Abstimmungs-Know-how in Form von Romano Albesiano jetzt auch in den Rennen genutzt werden. Die in kurzer Zeit erfolgreich hergestellte Verbindung aus japanischem Ingenieursgeist und italienischer Rennpraxis als vertrauensbildende Maßnahme für die Piloten – so versucht sich Honda weiter zurück an die Spitze zu kämpfen.
WM-Stand nach 6 von 44 Rennen:
1. A. Marquez, 87 Punkte. 2. M. Marquez 86. 3. Bagnaia 75. 4. Morbidelli 55. 5. Di Giannantonio 44. 6. Ogura 25. 7. Zarco 25. 8. Bezzecchi 24. 9. Marini 20. 10. Miller 19. 11. Binder 19. 12. Bastianini 16. 13. Acosta 16. 14. Quartararo 16. 15. Mir 10. 16. Rins 10. 17. Viñales 6. 18. R. Fernandez 25. 19. Aldeguer 3. 20. A. Fernandez 3. 21. Oliveira 2. 22. Savadori 1. 23. Chantra 0.
Konstrukteurs-WM:
1. Ducati, 111 Punkte. 2. Honda 36. 3. KTM 34. 4. Aprilia 33. 5. Yamaha 28.
Team-WM:
1. Ducati Lenovo Team, 161 Punkte. 2. Pertamina Enduro VR46 Racing 99. 3. BK8 Gresini Racing 90. 4. Red Bull KTM Factory Racing 35. 5. Trackhouse MotoGP Team 30. 6. Honda HRC Castrol Team 30. 7. Monster Energy Yamaha 26. 8. Aprilia Racing 25. 9. LCR Honda Castrol 25. 10. Prima Pramac Yamaha Racing 24. 11. Red Bull KTM Tech3 22.